Vor der Schiara scheiden sich die Geister auf dem München-Venedig Weg: Die Klettersteiggeübten sind ganz heiß auf das Bezwingen dieser Felsbarriere, den anderen Wanderern wird im Führer der Weg zur Straße und die Busfahrt nach Belluno empfohlen. Aber so hat man sich das eben nicht vorgestellt, drei Wochen Hochgebirgswandern so schnöde abzuschließen.

Das ging mir schon bei der Planung der Wanderung gegen den Strich und so habe ich mir die Umgehung im Osten vorgenommen. Strecke Rifugio Pian de Fontana zum Rifugio Alpini No.7. Vorherige Auskünfte zu erlangen, war schwierig. Ich hatte es per Anfrage in den Internetforen versucht, aber nur eine Antwort von einem deutschen Paar bekommen, das sich dann auch noch unglücklicherweise bei dem Versuch der Umgehung verirrt hatte und also eher abgeraten hat. Mein Ehrgeiz war also geweckt.

Die nette Wirtin vom Fontana riet ab (das muß sie auch, so lange es keinen offiziellen Weg gibt), deutete aber vage an, dass ab und zu Leute, die sich in der Gegend auskennen, vom Rifugio No. 7 zu ihr (also in Gegenrichtung) rüber kämen und dass die Wegstrecke wohl zumindest mit weiß-rot-weißen Pflöcken jetzt durchmarkiert sei (zum späteren Ausbau als Wanderpfad). Na also, das war doch ermutigend.

Um 6 Uhr los vom Fontana mit meinem Freund Udo. Schon sehr bald trennten sich unsere Wege: er mit Helm und Gurt rauf zur Schiara, ich voller Erwartung auf mein Erkundungsabenteuer. Fester Plan: Wenn’s zu haarig wird kehre ich eben um. Ein schöner einsamer Abstieg ins Tal (Weg Nr. 520 auf der Tabacci-Karte 025), meist durch Bergwald, lag vor mir. Manchmal ist es durch die Kombination von Laub und Feuchtigkeit auf dem felsigen Untergrund etwas rutschig, also ruhig die Stöcke einsetzen. Wenn man im Tal an der Straße ist, an der Brücke (Pont di Costa Granda) die über diese düstere Klamm führt (was einen an einem trüben Tag leicht gruseln läßt), ist man schon ein Stück zu weit gegangen (dort stehen auch ein paar Infotafeln vom Naturschutz). Der richtige Weg zweigt kurz davor ab. Führt als breiterer Schotterweg (bis zum Ende gehen!) bis zu einer Holzbrücke.

Gleich nach der Brücke geht’s links. Damals war dort der Weg (No.527) mit einem rotweißen Netz abgesperrt und der Zutritt wegen Wegarbeiten verboten. Nun ja, wenn das heute noch so ist, will ich wirklich niemanden ermuntern das Verbot zu mißachten, denn wenn dort was passiert, ist man ohne jeden Versicherungsschutz und kassiert wohl auch noch Bußgeld. Außerdem würde man dort nur über ein Sateliten-Handy Hilfe rufen können. Nun, ich habe erfreut den ersten der beschriebenen Pflöcke hinter dem Netz gesehen und da es gerade ein Feiertag war, würde wohl kein ‘Offizieller’ auf dem Pfad sein. Mit wachen Augen ist die Wegspur gut zu finden. Immer auf die Pflöcke achten, wenn keine mehr kommen, hast du dich vertan und mußt zurück zum zuletzt gesehenen! Die Wegeinzeichnung auf der Karte ist jetzt kaum noch zu gebrauchen, sie gibt nur ungefähr die Richtung an. Mehrere Bäche sind zu überqueren — und es ist wundervoll (oder erschreckend) einsam dort. Trinkwasser ist also da, wenn’s kein ausgesprochen trockenes Jahr ist.

Es gibt ein paar kurze Steilstufen (5-6 m), die etwas mühsam sind und manchmal ist es recht zugewachsen, aber es geht. Anstrengend ist es allemal mit dem dicken Rucksack (ich benutze aus Nostalgie und wegen des hohen Tragekomforts einen Jansport mit Außenrahmen, er ist auf diesem Wegstück allerdings eher hinderlich). Oben, schon fast unter dem Sattel (Forcella Col Torond) hab ich auf den Hängen mit dem hohen Gras die Pflöcke aus den Augen verloren, aber mit Karte und Kompaß kontrolliert war die Sattelstelle sowieso klar, an der es rüber ins nächste Tal gehen würde. Ab jetzt braucht man die Karte 024. Der Abstieg dort war dann wieder gut zu finden. Der Weg trifft dann auf den 505. Danach ist die Richtung Refugio Alpini eigentlich klar. Ich bin die ‘alte’ Variante (hab ich später gelesen) unter der überhängenden Steilwand mit mulmigem Gefühl zur Forcella Caneva hinaufgekraxelt, denn in der Karte ist er so eingezeichnet. Das meiste, über das man da unten klettert ist wohl von oben runter gekommen. An diesem Tag zum Glück nichts. Dieses Stück kam mir als das anstrengendste vor. Kurz vor der überhängenden Wand bog aber ein Weg nach rechts ab, auf dem man wohl jetzt dieses Damoklesschwert umgehen kann. Danach geht es durch schöne entlegene Hochtäler und dann blickt man von der Forcella Pis Pilon auf das ersehnte Ziel Alpini No 7 hinunter. Es dauert noch eine Weile dahin, aber Essen, Getränke und der vielleicht schon wartende Freund beflügeln die müden Beine. Zwischen 6 und 8 Stunden muß man für die Tour schon einplanen (und ich hatte schon eine bombige Kondition durch dier Wochen davor). Fazit: für geübte Wanderer mit guter Kondition machbar. Höhenmeter: ca. 1800 runter, 2000 rauf. Keine Familien-Tour.